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Der empirische Befund: Deutschland schrumpft

Der demografische Wandel, also Alterung und Schrumpfung unserer Gesellschaft, ist kein neues Thema. Bevölkerungswissenschaftler und Statistiker haben bereits seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen Wandel der Bevölkerungsstruktur erfasst und einen Bevölkerungsschwund vorhergesagt. Der empirische Befund scheint eindeutig: seit 1972 liegt die Zahl der Geburten in der Bundesrepublik unter der Zahl der Todesfälle. Bevölkerungszuwächse wurden seither lediglich durch Einwanderung realisiert. Beinahe alle Zukunftsprojektionen sagen voraus, dass die Bevölkerung in Deutschland, wie auch in den meisten Teilen Europas, schrumpfen wird. Je nach Modell ergeben sich allerdings erhebliche Schwankungen: in der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Bundesamts für Statistik ergeben sich mit zwei „mittleren“ Modellen erwartete Bevölkerungsgrößen von ca. 69 bzw. 74 Millionen (Statistisches Bundesamt 2006a: 7). Andere Berechnungen gehen von einer noch stärkeren Bevölkerungsabnahme aus. Die z.T. großen Abweichungen in den Projektionen deuten auf das Problem der Bevölkerungsberechnung hin: Es handelt sich um Schätzungen, die auf der Basis bestimmter Annahmen vorgenommen werden. Welche Projektion sich dabei als richtig erweisen wird, ist heute noch nicht absehbar.

Das Schrumpfen der Gesellschaft lässt sich auf die anhaltend niedrige Geburtenrate zurückführen. In der Bundesrepublik liegt sie seit den 70er Jahren bei ca. 1,4 Kindern je Frau, in der ehemaligen DDR lag sie seit Anfang der 80er Jahre auf einem etwas höheren Niveau (sog. „Honecker-Buckel“), um dann nach der Wiedervereinigung auf 0,8 einzubrechen. In den vergangenen Jahren hat sich die Fertilitätsrate in den neuen Bundesländern die der alten angenähert. Mit 1,33 Kindern je Frau (2006) ist Deutschland weit von der bestandserhaltenden Rate von 2,1 entfernt. Wie sich zeigt, ist die niedrige Geburtenrate nicht nur das Ergebnis mangelnder Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder zu geringen Geldleistungen für Kinder: auch der Kinderwunsch liegt durchschnittlich mit 1,75 Kindern je Frau unter der erforderlichen Rate (Robert Bosch Stiftung / Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung 2006: 6). Ein sprunghafter Anstieg der Geburten ist damit in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Um der Schrumpfung entgegenzuwirken, bedürfte es daher unter sonst gleichen Bedingungen einer starken Erhöhung des Einwanderungssaldos. Nötig wäre bis 2050 eine ein jährlicher Nettozustrom von 320.000 Menschen (Tutt 2007: 19). Dass dieser erreicht werden kann, scheint jedoch unwahrscheinlich, darf doch schon allein die gesellschaftliche Akzeptanz einer solch starken Zuwanderung bezweifelt werden.

Die Schrumpfung in der wissenschaftlichen und politischen Debatte

Obgleich demografische Veränderungen schon seit mehr als dreißig Jahren beobachtet werden können, hat das Thema in der öffentlichen Debatte ein erstaunliches Schattendasein geführt. Politische Entscheidungsträger haben sich damit erst spät befasst, nämlich in den 90er Jahren. Jedoch ist es vor allem der Aspekt der Alterung, der in das Zentrum der Diskussion geraten ist. Die zu erwartende Schrumpfung der Gesellschaft bleibt ein Nischenthema. Dies überrascht, gilt doch die Schrumpfung als die eigentliche Herausforderung des demografischen Wandels (vgl. Kaufmann 2005). Auch ist sie bereits in einigen Regionen Deutschlands, vornehmlich, aber nicht ausschließlich in den neuen Bundesländern, zu beobachten: Durch Abwanderung und Geburtendefizit haben die neuen Bundesländer seit 1990 rund 10 Prozent ihrer Einwohner verloren. Wie in einem Zeitraffer spielt sich dort eine Entwicklung ab, die zukünftig viele Regionen Deutschlands und Europas erfassen dürfte.

Und es gibt sie doch: Chancen der Schrumpfung
Dabei bringt die Schrumpfung der Gesellschaft nicht nur Probleme mit sich, sondern eröffnet auch neue Chancen. Obgleich es wichtig ist, Herausforderungen zu thematisieren, sollten wir Schrumpfung nicht ausschließlich unter negativen Vorzeichen diskutieren. Um die Zukunft gestalten zu können, bedarf es einer realistischen Bestandsaufnahme, die sowohl die Herausforderungen thematisiert als auch Chancen herausarbeitet. Einen ausschließlich negativen Zugang zur Schrumpfung verstellt den Blick auf Potenziale und verhindert eine ganzheitliche und nachhaltige Politik für die Zukunft und verstärkt die ohnehin pessimistische Grundstimmung des Landes. Dies kann weder in unserem Interesse sein noch in dem der zukünftigen Generationen. Schwierige Entscheidungen und Zumutungen lassen sich zudem besser vermitteln, wenn sie eingebettet sind in eine Vorstellung einer vitalen und zukunftsfähigen Gesellschaft und nicht lediglich als Notfallmaßnahmen daher kommen.


So überraschend es klingen mag: selbst aus sozioökonomischer Perspektive bietet die Schrumpfung Chancen. Das Schrumpfen der Bevölkerung, insbesondere aber der noch weit größere Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter macht die Aktivierung stiller Reserven auf dem Arbeitsmarkt notwendig (Straubhaar 2006a, Meier 2004: 15f.). Dies betrifft vor allem Gruppen, die bisher nur unzureichend in den Arbeitsmarkt integriert wurden, etwa Ältere, Frauen und Ausländer. Zukünftig wird es notwendig sein, auch deren Potenziale auszuschöpfen. Gerade vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Debatte über die Integration von Zuwanderern, könnte die ökonomische Notwendigkeit, Immigranten einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen, einen Beitrag zum sozialen Frieden leisten. Ähnlich verhält es sich bei Älteren, die eine der größten Problemgruppen am Arbeitsmarkt darstellen. Aus rationaler Sicht gibt es für den herrschenden Jugendwahn, wonach es in vielen Unternehmen ein Tabu ist, Arbeitnehmer über 50 Jahre einzustellen, keine Begründung. Bei der Behauptung, jüngere Arbeitnehmer seien produktiver wird üblicherweise unterschlagen, dass Ältere über ein höheres Maß an Erfahrung, Ausgleich und Ruhe besitzen. In Verbindung mit einem effizienten Aus- und Weiterbildungssystem könnte der vermeintliche Produktivitätsnachteil ausgeglichen werden (Börsch-Supan 2004: 8).
In vielen Lebensbereichen hält die schrumpfende Gesellschaft neue Herausforderungen bereit. Aber gerade weil die Schrumpfung ein Abrücken von den bekannten Vorstellungen einer wachsenden Gesellschaft verlangt, eröffnet sie auch neue Chancen, Perspektiven und Handlungsoptionen. Sie zu realisieren, ist unsere wichtigste Zukunftsaufgabe.