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"Was bleibt von der Vergangenheit.", Preis: 20 €. Bestellen...


Als drittes Buch der SRzG erschien im Oktober 1999 beim Ch.Links-Verlag und gleichzeitig beim Tremmel Verlag als Internetausgabe der Sammelband "Was bleibt von der Vergangenheit. Die junge Generation im Dialog über den Holocaust. Mit einem Beitrag von Roman Herzog." Im Klappentext heißt es: "'Nie wieder Auschwitz' - unter dieser Prämisse berieten und verabschiedeten die bundesrepublikanischen Verfassungseltern das Grundgesetz. 'Nie wieder Auschwitz', verlangten erst recht die 68er, die den deutschen Nachkriegsmief lüfteten und auf einer breiten und ehrlichen gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Holocaust bestanden. 'Nie wieder Auschwitz' behaupteten auch die Antifaschisten der DDR. Immer war das Unfassbare in deutschem Namen ein zentraler Bezugspunkt deutscher Identität seit 1945."
In diesem Buch versucht nun die junge, die 'erste Berliner Generation' zum ersten Mal, eine eigene Sprache für den Holocaust zu finden. Die von Martin Walser und Ignatz Bubis im Herbst 1998 ausgelöste Kontroverse um Schuld und Schlussstrich ist ein Kampf um den Umgang mit Erinnerung in der beginnenden 'Berliner Republik', und damit auch ein Kampf um die junge Generation, auf die sich beide Seiten immer wieder berufen.
Nach einem einleitenden Vorwort des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog denken 15 junge Autorinnen und Autoren über das deutsche Erbe ihrer Generation nach. Hier zeigt sich, was sie von den Lehren bundesdeutscher Demokratie und deutsch-demokratischem Antifaschismus verinnerlicht hat und was sie ablehnt. Junge Deutsche sind bisher nicht gefragt worden, welche Lehren aus Auschwitz zu ziehen sind und wie Deutschland 54 Jahre nach Kriegsende mit seinem schlimmen Erbe umgehen muss. Mit diesem Buch findet die erste Berliner Generation Fragen und Antworten und beginnt ihren öffentlichen Diskurs um das Erbe, das sie am Ende eines schrecklichen und hoffnungsvollen deutschen Jahrhunderts antritt."

 

Einleitung

Inmitten der Wirren eines durch Wertewandel und Orientierungslosigkeit geprägten Jahrzehnts wächst eine neue Generation heran. Diese dritte Generation nach Kriegsende beginnt langsam, sich politisch zu artikulieren und zu einer eigenen Identität zu finden. Sie hat eine eigene Sprache, definiert ihre eigenen Begriffe und deutet Vergangenheit, Gegenwart und selbst die Wirklichkeit auf ihre Weise. Mit Schlagworten wie Generation X, 89er, 98er oder »erste Berliner Generation« wurde sie schon häufig bedacht. Ob sie aber wie andere Generationen ihre Zeit zu prägen vermag, muß die Zukunft erst noch zeigen.

In jedem Fall sind wir, die Unterdreißigjährigen, alles andere als unpolitisch oder gar politikverdrossen, wie uns häufig von den älteren Generationen vorgeworfen wird. Wir sind einfach nur anders, so wie jede Generation anders ist als die vorherige. Wir suchen die Wirklichkeit zu verstehen jenseits der Grenzen der herkömmlichen Links-rechts-, Gut-böse-Schemata. Wir sehen unsere Zukunft nicht nur von deutscher Bestimmung geprägt, sondern auch von europäischer. Nach dem Ende der Ideologien ist unser Weltbild vielfältiger, sind unsere Identitäten bunter. Und das verändert natürlich auch unseren Umgang mit der deutschen Geschichte.

Vielleicht läßt sich unsere Generation am besten so charakterisieren: Sie ist pragmatisch und idealistisch zugleich und mausert sich optimistisch unverkrampft zu einer wachen, aufgeklärten Generation, die Althergebrachtes in Frage stellt, um die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Das ist es, was den »Alten« dieser Republik zu schaffen macht, denn im Grunde sind sie es, die noch immer in ideologisierten Kategorien denken und handeln – sie sind es, die orientierungslos sind, und weniger die Jungen.

Dieses Buch ist der Versuch der jungen Generation, erstmals eine Sprache für ein Thema zu finden, das vielleicht mehr als jedes andere der Schlüssel zum deutschen Selbstverständnis ist: der Holocaust. »Nie wieder Auschwitz« – unter dieser Prämisse berieten und verabschiedeten die bundesrepublikanischen Verfassungseltern das Grundgesetz. »Nie wieder Auschwitz« verlangten erst recht die 68er, die den deutschen Nachkriegsmief lüfteten und auf einer breiten gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Shoah bestanden. »Nie wieder Faschismus« forderten die Antifaschisten der DDR. »Nie wieder« war also der Grundkonsens, die Klammer, die unser Volk zusammenhielt. Und heute? Wie werden die 89er, »the next generation«, es halten? Diese bange Frage war aus der Walser-Bubis-Debatte überall herauszuhören. Sowohl Walser wie auch Bubis beriefen sich auf die Jugend, die man entweder schützen müsse oder aber nicht aus der Verantwortung entlassen dürfe. Die junge Generation selbst, junge Deutsche aus Ost und West, Frauen und Männer, Christen und Juden: Sie alle hat bisher niemand gefragt, was sie über den Streit denken. Um so wichtiger war der Appell von Bundespräsident Herzog in seiner dieses Buch nun einleitenden Rede am 27. Januar 1999 vor dem Deutschen Bundestag, in der er die jungen Menschen unseres Landes mit klaren Worten aufforderte, sich zur Frage der Zukunft der Vergangenheit zu Wort zu melden.

Herzog beschrieb unter anderem, daß wir »in einer Zeit des Generationswechsels, in einer Zeit des Übergangs von der Erinnerung an Erlebtes zur Erinnerung an Mitgeteiltes« leben. In der Tat wird unsere Generation bald keine überlebenden Opfer wie Täter mehr kennen. An die Stelle des unmittelbaren Zeugnisses tritt die virtuelle Begegnung in den Videos der Shoah-Foundation, tritt der Rundgang durch verlassene Lagergelände und Ausstellungen, deren Bilder Kleidung und Menschen zeigen, die für uns wie aus fernen Zeiten scheinen. Ob der Holocaust damit für unsere Generation an direkter Dringlichkeit verliert, ist noch die Frage. Denn man gewinnt angesichts der ständig zunehmenden Flut der Publikationen und Filme fast den Eindruck, daß der Holocaust um so gegenwärtiger wird, je länger er zurückliegt.

Die »Berliner Republik« will endlich »normal« werden: der alte Traum, in einer nach innen und außen gefestigten Demokratie zu leben. Dies ist als schönes Geschenk der Alten an die junge Generation gedacht. Aber was heißt »Normalität« nach der Shoah (übersetzt: Menschheitskatastrophe)?

Wahrscheinlich bedeutet Normalität schon im Westen nicht das gleiche wie im Osten. Während der westliche Teil unserer Generation in dem Glauben aufwuchs, die Bundesrepublik sei besonders auf die Verneinung von »Auschwitz« gegründet, schenkten die Schulbücher der DDR der Judenvernichtung nur wenige dürre Worte. Die DDR war ein Neuanfang, in dem der Antifaschismus über den Faschismus politisch triumphierte – und nicht über die Verbrechen an der Menschlichkeit. An der Stelle der grüblerischen Gewissenssuche, die seit Ende der 60er Jahre in der BRD immerhin eintrat, standen die hohlen Parolen der internationalen Völkerfreundschaft. Nun wird nach dem Zusammenbruch der ideologischen Bühne der DDR langsam wieder der Boden deutscher Geschichte darunter sichtbar. Es sind leider oft junge Menschen, die diesen Boden mit Gebrüll und Gewalt in Besitz nehmen. Auschwitz erscheint vielen, das haben wir bei der schwierigen Suche nach ostdeutschen Autoren für diesen Sammelband bemerkt, als spezifische Wessi-Macke.

Vor dem Hintergrund der Verantwortung, die der jungen Generation für die Zukunft der Geschichte zukommt, hat sich die Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen entschlossen, Beiträge junger Menschen zum »Leben mit dem Holocaust« zu sammeln und der Öffentlichkeit vorzustellen. Früh war klar, daß wir nicht mit einer Stimme sprechen würden. Das macht nichts. Es geht uns darum, mit diesem Buch eine Debatte junger Menschen anzustoßen und übergreifende Fragen zu sammeln, zu denen der Dialog unserer Generation stattfinden könnte.

Uns geht es nach der von Walser und Bubis ausgelösten Debatte darum, die Stimmen der Jugend zu diesem Thema zu Gehör zu bringen. Denn vorher war es in dieser Diskussion nur um die »eigenen Verwicklungen und Verkrampfungen« der älteren Generation gegangen, wie Herzog es nannte.

Mit diesem Buch finden wir, die »erste Berliner Generation«, Fragen und Antworten und beginnen unseren öffentlichen Diskurs um das deutsche Erbe, das wir am Ende eines schrecklichen und hoffnungsvollen Jahrhunderts antreten. Wir sind eine wache Generation. Wir lassen uns im Meinungsstreit nicht einfach vereinnahmen. In unserem Namen sprechen wir am besten selbst.

Aber man schreibt ja nicht einfach ein Buch über den Holocaust. Bei allem jugendlichen Überschwang: Planung und Ausführung konnten nicht leichten Herzens geschehen. Die Initiatoren hängten an Universitäten Hinweise auf das Buch aus, warben auf Veranstaltungen zur Walser-Bubis-Debatte gezielt um die Manuskripte der besten Redner, wiesen alle parteinahen Studienstiftungen auf das Projekt hin, machten junge Menschen ausfindig, die sich in Leserbriefen öffentlich äußerten. Aus dem Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrum kam der Vorschlag zu einem Arbeitstreffen, wir griffen ihn auf und luden nach Weimar – und Buchenwald – ein.

Was einmalig für einen Sammelband ist: Zahlreiche Beiträge wurden vorab ins Internet gesetzt und auf der Homepage der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen (www.srzg.de) diskutiert. So wurde ermöglicht, daß die Autoren in ihren Beiträgen aufeinander eingehen, einander kritisieren oder auch einander zustimmen. Durch diesen Dialog untereinander entsteht ein echtes Meinungsbild der jungen Generation.

Bei allem Respekt vor der Meinungsvielfalt, die dieses Buch repräsentiert: Ein vorläufiges Fazit könnte lauten, daß wir Jungen uns in einer Kontinuität sehen, die vielleicht weniger mit Begriffen wie Schuld und Schande zu tun hat, dafür aber um so mehr mit Verantwortung und Aufklärung – und auch dem Wunsch nach demokratischer Normalität. Mit der abnehmenden persönlichen Betroffenheit nimmt der Wunsch nach einem unverkrampfteren Verhältnis zu, sei es mit der eigenen Geschichte, sei es im Umgang von Christen und Juden.

Es wird sich zeigen, ob diese Meinungsäußerung der Jugend gewürdigt wird. Wir hoffen jedenfalls, daß die Älteren nicht nur weiterhin sich selbst reden hören wollen, sondern mit uns in einen Dialog über die spannende Frage eintreten: Was bleibt von der Vergangenheit?

Bei diesem ersten Sammelband der dritten Nachkriegsgeneration ging es uns nicht darum, ein Buch mehr auf den lukrativen Holocaust-Markt zu werfen, der im Gemenge von »Gutmenschen«, an Opferneurose leidenden Tätern, wirklichen Opfern und bloßen »Betroffenheitsverdienern« manchmal auch kuriose Blüten treibt.

»Und wenn ich mich unserer Geschichte zu stellen versuche, versuche ich auch das nicht in Schande, sondern in Würde«, sagte Roman Herzog. Genau das haben wir als junge Generation versucht – uns dieser Geschichte in Würde zu stellen. Ob uns das gelungen ist, mag unsere Leserschaft beurteilen.

Christopher Gohl, Jörg Tremmel und Holger Friedrich

 

Inhaltsverzeichnis 

Vorwort

Einleitung

Die Herausgeberin

Editorische Vorbemerkungen der Herausgeberin

1. Antworten auf die Walser-Bubis-Debatte

Rupprecht Podszun
Geschlossene Gesellschaft. Bei den Diskussionen um die NS-Vergangenheit bleiben die Senioren unter sich

Matthias Naumann
Warum können wir nicht endlich schweigen? Wie ein Friedenspreisträger Täter zu Opfern umdichtete

Alexander Karschnia
Gespräch der Generationen

Thomas Cieslik

Die Moralkeule als Ruhekissen. Von den Widersprüchlichkeiten eines linken Geschichtsverständnisses

Sebastian Gaiser

Endlich erwacht dieses Land: Wir Jungen brauchen diese Diskussion

2. Jugend in Deutschland nach Auschwitz

Susanna Krüger
Identitätsfindung und Holocaust

Christiana Uhlenbruch
Über die Schwierigkeit, deutsch zu sein

Sue Hermenau
… und alles steht still

Tobias Kranz
1999 – Unterwegs

Timm Kern
„Zachor!“ Persönliche Erfahrungen

Kathi-Gesa Klafke
„Also doch Erbsünde?“

Jennifer Bohm
Gespräch unter jungen Leuten

3. Unser Auftrag nach der Shoah

Julian Voloj
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin...

Katrin Steinack
Die andere Seite – warum die Beschäftigung mit der Täterperspektive notwendig ist

Christopher Gohl
Zauberlehrlinge zwischen Weimar und Buchenwald

Holger Friedrich
Wider das Vergessen

Max Maendler
Grundlagen des Geschichtsbewußtseins

Daniel Dettling

Nichts vergessen, nichts versäumen: Stationen eines jungen Deutschen

Andreas Scherbel

Auschwitz – Auftrag für die Menschenrechte

4. Die Zukunft der Vergangenheit

Fabian Cuntze
Verantwortung versus Schande. Der Holocaust – eine menschliche Normalität?

Patrick Graichen
Deutsche Vergangenheitspolitik und deutscher „Nationalstolz“

Cora Granata
Multikulturalismus aus Deutsch-Amerikanischer Sicht

Jörg Tremmel
Die Verantwortung der Berliner Republik

 

ausführliches Inhaltsverzeichnis als pdf

editorische Vorbemerkungen als pdf